Wieviele Vögel unglücken im Stacheldraht?

Verunglückte Graugans im Stacheldraht

Im Januar 2007 kamen in einem Stacheldrahtzaun am Dollart eine größere Zahl Gänse in z.T. grauenhafter Weise um (s. Foto). Am Morgen des 19.1.2007 fanden Dr. Klaus Gerdes und Hinderk van Göns 20 tote Bless-, Saat- und Graugänse neben dem Deichsicherungsweg am südlichen Dollart. Der Dollart ist der zentrale Gänseschlafplatz für die gesamte Ems-Dollart-Region. Bei starkem Nordwest-Wind waren die Gänse auf dem Schlafplatzflug offenbar derart niedrig geflogen, dass sie mit dem Stacheldrahtzaun am Seedeich kollidierten und verendeten. Ebenfalls fanden Dr. Salge (Kreisveterinär) und ich bei einer gemeinsamen Nachsuche am Nachmittag mehrere schwer verletzte Vögel (3 Bless- und eine Nonnengans). Die Vögel wurden sichergestellt und zu weiteren Untersuchungen eingeschickt (Untersuchung auf Geflügelpest H5N1 sowie Bleischrote).
Bei nachfolgenden Gesprächen mit den Wasservogelzählern und dem Jagdpächter stellte sich heraus, dass sich derartige Unfälle bereits mehrere Male an gleicher Stelle ereignet haben.
Als erste Reaktion erklärte sich das zuständige NLWKN (Nds. Landesgesellschaft für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) bereit, den oberen Stacheldraht gegen eine Holzplanke auszutauschen. Die anderen Dräht sollen gegen Glattdraht ersetzt werden.
Obwohl von vielen im Naturschutz Aktiven Stacheldraht als großes Problem in Schutzgebieten benannt wurde, zeigte eine umfassende Literatursuche zu diesem Thema jedoch ein ernüchterndes Ergebnis:es gibt nahezu keine Publikation über Vogeltod im Stacheldraht.
Daher wird darum gebeten, weitere Beobachtungen zu melden. Zum Online-Meldeformular geht es hier..

 

Verteilung der Funde auf Artgruppen (Stacheldraht)
Verteilung aller Funde (auch Elektro- und Maschendraht)

2009: erste Ergebnisse

Bis zum Februar 2009 wurden insgesamt 89 Beobachtungen in Zäunen verletzter Vögel gemeldet. Diese stammen vor allen Dingen aus Norddeutschland, dazu gibt es Meldungen aus Hessen und Sachsen.
Betrachtet man die Artengruppen, die betroffen sind, so stellt man fest, dass es sich überwiegend um zwei Vogelgruppen handelt: einerseits sind dies die Limikolen und Entenvögel (Schwäne, Gänse, Enten), die aufgrund ihrer Lebensraumpräferenzen einem hohen Kollisionsrisiko mit Stacheldrahtzäunen ausgesetzt sind. Andererseits handelt es sich um Eulen und Greifvögel. Bei den Eulen dominiert die Sumpfohreule, die ebenfalls häufig in Weidegebieten Norddeutschlands jagt und insbesondere in der Dämmerung hierbei leicht mit jeder Form von Drähten kollidiert. Bei den Greifvögeln führt der Mäusebussard die Liste an, aber auch Sperber, Habicht und sogar Fischadler wurden gemeldet. Auch Kranich und Weißstorch zählen zu den Opfern.

Doch nicht nur Stacheldrähte können Vögeln gefährlich werden. Ebenso wurden - wenn gleich deutlich seltener - Verletzungen und Todesfälle in Glattdrahtzäunen und Kultur- bzw. Deichzäunen gemeldet. Besonders an der Küste verunglücken gerade die schnellen Limikolen öfter auch in den Glattdrähten, die ihnen im schnellen Flug leicht die Schwingen abtrennen oder brechen können. Dies wurde schwerpunktmäßig aus den Köögen Schleswig-Holsteins berichtet.

Eine ausführliche Publikation der Ergebnisse ist in Planung.

Gallerie

Gänsesäger
Kiebitz
Sumpfohreule
Waldohreule
Blässralle